Kaffeekultur in Deutschland

Kaffeekultur in Deutschland

in kaffeetipps,

Der Engländer trinkt um Punkt five o´clock seinen Tee, der Franzose schlürft Café au Lait mit einem Croissant in der Hand und der Italiener heizt sein ohnehin schon temperamentvolles Gemüt mit einem Espresso an. Soweit die wunderbaren Klischees der Nationen, hinter denen amüsanterweise viel Wahrheit steckt.


Und der Deutsche? Der trinkt Bier und isst Bratwurst (ja, es stimmt ja auch). Doch das meistgetrunkene und beliebteste Getränk der Deutschen neben Wasser ist mit knapp 150 Litern pro Person im Jahr der Kaffee, den mindestens 86 Prozent der Deutschen jeden Tag zu sich nehmen und damit liegen wir über dem EU-Durchschnitt.


Kaffee ist allgegenwärtig, ob zu Hause, im Büro, im Café (logischerweise) oder im Restaurant, man trifft sich auf einen Kaffee und das gute alte Kaffeekränzchen, wie damals bei Tante Elsa, feiert heute in modernen Wohnzimmern bei jüngeren Kaffeeliebhabern sein Revival.


Die altbackene deutsche Kaffeetafel


Der typisch deutsche Kaffee ist ein schwarzer Filterkaffee, der Stärkegrad hängt in der Regel ganz von Geschmack seines Brühmeisters ab, und wenn dieser oder diese Magenprobleme hat, dann muss die ganze Familie heißes Wasser mit Kaffeearoma trinken. (Wie ich zu meiner Mutter immer sage: Hast du das Wasser einmal am Kaffeepulver vorbeigetragen?) Dazu gibt es Kaffeesahne aus dem Kännchen und ein paar Stücke Zucker, man kennt die altbackene, aber doch heimliche deutsche Kaffeetafel nur zu gut.

Doch Kaffee war nicht immer ein alltägliches Getränk für jeden Deutschen. Seit seiner Entdeckung bis zum Kaffeepad hat die Kaffeebohne eine lange Reise hinter sich gelegt. Achtung, jetzt kommen ein paar geschichtliche Infos, die man auf Neudeutsch auch als „Fun Facts“ bezeichnet und mit denen Ihr beim nächsten Latte Macchiato-Date vor Intellektualität nur so protzt!


Der Ursprung des Kaffes: Von nachtaktiven Springböcken und Mönchen, die lieber beten als schlafen


Die Kaffeepflanze steht angenommenerweise schon etwas länger auf unserem Planeten herum, aber einer musste sie natürlich erst mal als solche entdecken. Dieser Glücksfund wird einem Hirten namens Kaldi im Südwesten Äthiopiens im 9. Jahrhundert zugesprochen, der bemerkte, dass seine faulen Ziegen nach dem Verzehr einer bestimmten Frucht auf einmal nicht mehr schliefen. Genervt von den nachaktiven Springböcken schmiss er eine Handvoll Kaffeekirschen ins Lagerfeuer und wurde zum weltweit ersten Kaffeeröster. Anschließend beschwerte er sich über die anregende Wirkung der Pflanze bei benachbarten Mönchen, die schnell Nachforschungen anstellten, Kaffee brühten und fortan bis tief in die Nacht beten und meditieren konnten.

Der Kaffee begann seinen weltweiten Siegeszug. Diese äthiopische Ursprungsregion war übrigens das Königreich Kaffa, von dem sich der Name Kaffee ableitet. Ab dem 14. Jahrhundert gelangt der Kaffee als Ware nach Arabien, und von dort in alle Welt. Bereits im 15. Jahrhundert röstete und trank man Kaffee in der arabischen Welt, und zwar in seiner ursprünglichsten Form, als Mokka. Die Hafenstadt Mokka (heute Jemen) hatte das Weltmonopol auf den Kaffeehandel, und durch den damals üblichen Schiffshandel gelang der Kaffee auch nach Europa.


Das erste deutsche Kaffeehaus eröffnete 1673 in der Hansestadt Bremen nach Londoner Vorbild und Kaffee galt schnell als Luxusgut, das ähnlich wie Gewürze und Tee in den europäischen Überseekolonien in Asien und Südamerika angebaut und über Meer und Häfen gehandelt und natürlich auch geschmuggelt wurde.


Luxusgut Kaffeebohne – ohne Geld trinkst du Muckefuck


Nur der gut betuchte Bürger konnte sich früher einen Besuch im Kaffeehaus leisten, das gemeine Fußvolk musste sich mit gestreckten Gebräuen wie Muckefuck und Zichorienkaffee zufriedengeben. Noch bis heute wird der Begriff „echter Bohnenkaffee“ verwendet, der ursprünglich Kaffeeersatzgetränke von echtem Kaffee abgrenzte. Die Kaffeebohne war noch bis zu den Weltkriegen ein teures Luxusgut und wurde erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts im Wirtschaftswunder Deutschland und im Zuge der zunehmenden Globalisierung zu einem Konsumprodukt, zu dem auch die breite Masse Zugang hatte. Sowohl der entkoffeinierte Kaffee (Kaffee HAG, 1905), als auch der Kaffeefilter (Dresdener Hausfrau Melitta Bentz, 1908) sind übrigens deutsche Erfindungen, die den häuslichen Kaffeekonsum maßgeblich geprägt haben. Des Weiteren geht die gute alte Filterkaffeemaschine, die seit den 70er Jahren in keinem Haushalt fehlen darf, auf einen deutschen Unternehmer zurück und trug den Namen Wigomat. Die ein oder andere Oma wird sich seufzend zurückerinnern.


Kaffee ist schick – Kaffee ist Status


Heutzutage sind wir in einer ganz neuen Ära der Kaffeekultur angekommen. Kaffee ist international, Kaffee ist vielfältig, Kaffee ist schick. Und genau wie früher, ist Kaffee auch heute wieder Status. Doch im Gegensatz zu früher kann sich heute jeder zumindest eine Tasse Kaffee leisten. Die Kaffeemaschine für zu Hause hingegen hängt vom eigenen Portmoinee ab und auch davon, wieviel Wert man auf einen hochwerigen Kaffee legt.


Kaffeemaschinen sind Statussymbole. Die Kaffeezubereitung sagt viel über die Person aus und setzt Trends. So wird die traditionelle Filterkaffeemaschine oft in die staubige Schublade vergangener Generationen oder trister Büroküchen gesteckt, eigentlich zu Unrecht. Die Zubereitung mit dem Filter entspricht einem sehr schonenden Brühvorgang und auch dieser Markt erfindet sich neu. So gibt es mittlerweile auch ökologische Baumwollfilter (z.B. Hario Drip Pot Woodneck) und Handfilter aus Porzellan.


Wer es schnell, trendig und vielfältig mag, hat wahrscheinlich eine Pad- oder Kapselmaschine zu Hause, die auf Knopfdruck auch Kaffeemischgetränke zaubert. Diese bunten Massenprodukte haben in Deutschland schnell den Markt erobert, werden aber immer wieder für die teuren Kaffee-Pads bzw. Kapseln kritiersiert. Letztere sind auch nicht wirklich im Sinne der Umwelt, da sie einen hohen Müllberg produzieren. Kaffee ist ein Naturprodukt, was als solches auf jedem Kompost willkommen ist, eine pinke Plastikkapsel aber spukt jeder Komposthaufen wieder aus. Zudem ist man an die Kaffeesorten der Hersteller gebunden.


Für alle echten Liebhaber des vollen Aromas einer frisch gemahlenen (am besten sogar selbst gemahlenen) Kaffeebohne gibt es entweder Kaffee-Vollautomaten oder Siebträgermaschinen, die professionellen Spitzenkaffee mit Crema herstellen. Ein weiterer Trend seitens der Bewegung Third Wave Coffee (die sogenannte dritte Welle der Kaffeekultur, die den Kaffee als Genussmittel neu entdeckt) ist der Einsatz von simplen, handbetriebenen Zubereitungsarten, wie zum Beispiel dem Aeropress, Frenchpress und eben gefiltertem Kaffee. Viele Menschen gehen in dem Zusammenhang auch dazu über, ganze Kaffeebohnen anstelle von bereits gemahlenem Industriekaffee zu kaufen und nehmen sich gerne die Zeit, den Kaffee zu Hause selbst zu mahlen. Den Unterschied schmeckt man!


Lass uns einen Kaffee trinken gehen!


Auch in der Gastronomie ist das Angebot an Kaffeegenuss schier unendlich. Cafés sind an jeder Straßenecke zu finden, beim Konditor und im Bauerncafé gibt es zum heißen wohltuenden Getränk ein mächtiges Stück Sahnetorte, im Stehcafé gibt´s einen schnellen Kaffee im Pappbecher und ein belegtes Brötchen auf die Hand zur Frühstückspause, im Straßencafé sitzt man gemütlich auf der Terrasse und schaut sich die vorbei flanierenden Mitbürger an, in der Café Lounge geht es um Sehen und Gesehen werden und nirgends darf der Coffee To Go fehlen. Spätestens mit Ketten wie Costa Coffee und Starbucks sind Kaffeekultur und Fast Food aufeinandergetroffen und bieten weltweit einen vielfältigen Produktkatalog an Kaffeespezialitäten an, der in Deutschland und auf der ganzen Welt großen Anklang findet. Die Namensgebung der Getränke ist bunt und grenzenlos, vom Flat White, bis hin zum Iced Caramel Espresso Macchiato.


Kaffee ist aber auch ein Geschäft. Bewegungen wie Fair Trade setzen auf fair gehandelten Kaffee und machen auf die Problematik fehlender Wirtschaftsethik in den Anbauregionen aufmerksam und finden in Deutschland Anklang.
Die Kaffeebohne hat nicht nur unsere Trinkkultur, sondern unsere Gesellschaft geprägt. Wir freuen uns heute über vielfältigen Kaffeegenuss zu Hause und außer Haus.


In diesem Artikel stecken zwei Espresso, ein Filterkaffee und ein Flat White, die während des Schreibens die Kreativität gefördert haben. Was trinkst Du gerade?